Rückblick: Lauftraining im Jahr 2012

12. Raiffeisen Businesslauf am 10.05.2012 – 4,1 km in 13:36,8 min

Nach einem fast halbjährlichen Hiatus ist die Zeit mehr als reif für einen neuen Post. Was ein Blick auf die Zeitqualität für 2012 erwarten ließ, hat sich bislang bestätigt:  das war ein dichtes, herausforderndes Jahr. Auch lauftechnisch war es das schwierigste überhaupt.

Während das Grundlagentraining im Jänner 2012 recht gut angelaufen war, gab’s bereits Mitte Jänner beim ersten Test im Rahmen der VCM Winterlaufserie über die Halbmarathondistanz einen ersten Dämpfer. Dort zerschellte ich an überhöhten Ansprüchen und wurde recht unsanft auf den Boden meiner Laufrealität zurück geholt. Es dauerte gut drei Wochen bis ich wieder einigermaßen Tritt gefunden hatte. Dazu kamen die schwierigen Wetterverhältnisse im Februar mit Schnee und Kälte, welche das Grundlagentraining noch um eine Spur mehr zur Herausforderung machten.

Ich blieb trotz des mühsamen und langsamen Fortschrittes dran und tatsächlich begann sich dann Mitte März so etwas wie eine Form zu entwickeln. Eine ziemlich gute sogar. Plötzlich konnte ich meine 4 x 4.000 m Tempoläufe in 3:40 – 3:42 min/km abspulen und fühlte mich nachher großartig. Doch dieser Zustand wurde bald wieder in Frage gestellt. Arbeitstechnisch an vier Fronten im Einsatz (Webprojekt für ein Fortune 500 Unternehmen, 2 Firmen-Workshops und FH Vorlesungen) hatte ich ziemlich damit zu tun, in der letzten Märzwoche überhaupt ein Training unterzubringen. Da ich viel auf den Füßen war, lange Nächte vor dem Schirm verbrachte, hatte ich zwei Wochen vor dem VCM alles andere als frische Beine. Um möglichst frisch zu sein, reiste ich bereits am Freitag vor dem VCM nach Wien. Die Amerikaner spürten mich aber auch dort auf. Vor dem mentalen Druck gab es kein Entkommen, auch wenn ich mir dessen nicht voll bewusst war; das Webprojekt stand in einer kritischen Phase und Dominik und ich waren quasi non-stop mit Fehlerbehebungen und Featureverbesserungen beschäftigt. Am Abend vor dem VCM erledigte ich die letzten Bugfixes um 22 Uhr.

Beim VCM lief ich mit 2:47:49 Stunden unter die Top 100 (Gesamt: Platz 93) und die Top 10 in meiner Altersklasse. Abgezielt hatte ich auf eine Zeit unter 2:45 Stunden, und war anfangs nicht voll zufrieden, auch weil ich wusste, dass ich es drauf gehabt hätte. Nach und nach wurde mir klar, dass mir die letzten drei Wochen vor dem VCM sehr zugesetzt, vor allem an meiner mentalen Frische gezehrt hatten, und ich bei meinem 11. Marathon ein gutes Stück Arbeit abgeliefert hatte, mit dem ich mehr als zufrieden sein konnte. Ein Trost war da auch der Gewinn des Meistertitels bei den österreichischen und steirischen akademischen Meisterschaften in der Altersklasse M-40 (Gesamt: Platz 4). Es handelt sich dabei sicher nicht um einen Titel mit hohem sportlichen Gewicht, aber was soll’s, nächstes Jahr möchte ich ihn nochmals holen.

Mit den wärmer werdenden Temperaturen ging schließlich auch mein Trainingsrhythmus verloren. Dazu kam noch die Teilnahme beim Welschlauf Halbmarathon, bei dem ich in 1:27 Stunden den 10. Rang erreichte. Mein Gewicht ist auf den Passagen bergab zwar von Vorteil, jedoch ist die Beanspruchung von Rücken und Gelenken enorm. Die Auswirkungen sollten sich recht bald in Problemen im Bereich des linken Oberschenkansatzes (Musculus psoas major) zeigen. Extensive Belastungswochen waren nicht mehr möglich. Bei Tempoläufen begann sich der Muskel nach circa 6 Kilometern zu verhärten und zwang mich, das Tempo zu reduzieren. Zwar war noch eine Teilnahme beim Leibnitzer Stadtlauf möglich – dort lief ich die 10 km in 36:43 min – von dort weg ging’s dann aber steil bergab. Die hohen Temperaturen setzten mir zusätzlich zu. Kam hohe Luftfeuchtigkeit hinzu, so war an ein normales Training kaum noch zu denken. Zu den Problemen im linken Oberschenkel kamen Verklebungen in der hinteren Muskulatur beider Oberschenkeln, ein Resultat der hohen Belastung im Frühjahr bei Vernachlässigung von regenerativen Maßnahmen.

Anfang August war ich schließlich an einem Punkt angelangt, wo nichts mehr ging. Ich konnte kein extensives Tempo mehr laufen, meine Oberschenkel waren wie Blei, die Situation im linken vorderen Oberschenkelansatz hatte sich exponentiell verschlechtert. Sogar beim Gehen hatte ich Schmerzen. Und Schmerzen sind immer ein Hinweis darauf, dass etwas getan gehört. Ich hatte ohnehin zu lange damit gewartet, das Notwendige zu lange hinaus gezögert. Jetzt schien es zwar für den Graz Marathon zu spät, aber der Heimmarathon war mir mittlerweile bereits völlig egal, ich wollte nur wieder ganz normal und schmerzfrei laufen können.

Als erstes ging ich zum Masseur meines Vertrauens, Leo Winter, der mich schon während meiner Bundesliga-Zeit bei Flavia Solva 1993 – 1996 großartig betreut hatte. Leo massierte mir die Beine wie gewohnt “ordentlich” aus, so ordentlich, dass ich fast an die Decke ging. Da wurde mir zum ersten Mal “bewusst” wie “sauer” ich eigentlich war. Es kam mir vor als ob meine Oberschenkelmuskel nur noch aus Laktat bestünden. Ich war schockiert. Wie konnte ich nur über so lange Zeit, meinen erbärmlichen körperlichen Zustand negieren. Andererseits war ich verwundert, wie ich mich trotz dieser Widrigkeiten durchgebissen hatte. Solange halt, bis es absolut nicht mehr ging.

Es folgte eine Zeit, massiver regenerativer Maßnahmen: klassische Massagen bei Leo und im Institut für Bewegungstherapie, Triggerpunktmassagen (sehr zu empfehlen), Cranio-Sacrale Behandlungen (lösten vor allem die Verspannungen im Bereich Kreuzbein) bei meiner Frau Sylvia und last not least Akupunkturbehandlungen bei Dr. Peter Sattler und eine TCM Kur mit chinesischen Dekokts und Akupunktur bei Dr. Baresa.

Der Wochenschnitt im August hatte 40 Laufkilometer in der Woche betrage. Ich war echt fix und fertig. Meine Muskulatur wie Blei. Doch die regenerativen Maßnahmen griffen schnell und wirkten effektiv.  In der letzten Augustwoche konnte ich bereits 90 Kilometer absolvieren. In der ersten Septemberwoche war es schließlich wieder möglich, etwas schneller zu laufen: 15 km in 1:05:36 Std am 04. September. Mühsam waren vor allem die Einheiten frühmorgens wegen der hohen Luftfeuchtigkeit. Trockener Hitze kann ich offensichtlich noch gut mit Wasserduschen begegnen, hoher Luftfeuchtigkeit bin ich jedoch hoffnungslos ausgeliefert. Unter Bedingungen von 85 % Luftfeuchtigkeit oder mehr macht für mich Laufen keinen Sinn. Das wurde mir spätestens in dieser ersten Septemberwoche wieder klar vor Augen geführt.

Mit dem Wochenende fand sich ein stabiles Hochdruckgebiet ein und so konnte ich am Samstag mit 26 km wieder eine Art Longjog mit 4 km Endbeschleunigung in 4:15 min/km absolvieren. Am Montag 10.09. stand dann wieder ein Tempolauf auf dem Programm. Mein Ziel war es, die Zeit von vergangener Woche um 10 Sekunden zu unterbieten. Geworden ist es schließlich eine Verbesserung um 20 Sekunden: 16 km in 1:04:39 Std, ein Schnitt von 4:02 min/km. Damit war ich wieder in Tuchfühlung mit meinem Marathontempo. Schneller als erwartet konnte ich wieder an meine Trainingsleistungen vom Frühjahr anschließen.

Rücken und linker Oberschenkel sind zwar noch nicht 100% in Ordnung. Diesem Zustand begegne ich mit extensivem Dehnungsprogramm und täglichen Rumpfkräftigungsübungen. Täglich wird es jetzt besser. Was wirklich zählt ist, dass das Lauftraining und vor allem die harten Tempoeinheiten  wieder Spaß machen und mein Körper das Training wieder annimmt. Unter diesen Voraussetzungen gehe ich entspannt in den Laufherbst. Noch vor einer Woche schien es, als ob ich kein Rennen bestreiten werde können. Jetzt ist das durchaus wieder im Bereich des Möglichen. Ich lass mich überraschen.

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