Welschlauf 2011 – imitating the mountain goat

Nach zwei Regenerationswochen im Anschluss an den Linz Marathon 2011 nahm ich das reguläre Training wieder auf und legte das Augenmerk dabei auf kurze, spritzige Einheiten. Diese stark anaeroben Läufe verkraftete ich so gut, dass ich mich zehn Tage vor dem Welschlauf entschied, für den Viertelmarathon zu nennen. Aufgrund meiner Größe und meines für Läufer relativ hohen Gewichts zählt der Berg nicht zu meinen Lieblingsterrains. Meine sehr gute Form und die neu gefundene Tempohärte stimmten mich jedoch zuversichtlich, auch diese Prüfung gut zu bestehen.

Auf gezieltes Bergtraining hatte ich verzichtet und verließ mich auf Erfahrung und Gespür. Die Erholung seit dem Marathon war lange genug, um an diesem Tag meine Grenzen zu testen. Darauf galt es sich vor allem vorzubereiten. Mindestens 80 % spielen sich, meiner Meinung, im Kopf ab. Dort werden die Voraussetzungen gesetzt für eine Spitzenleistung. Dort befindet sich der Hebel, um die unbewussten Bremsen noch weiter zu lösen. Dort liegt der Schlüssel, die Schleusen vollends zu öffnen, um alle Energie in Bewegung zu setzen.

Der Tag war herrlich, geradezu ideale Bedingungen für  einen Berglauf. Die Sonne lachte aus einem wolkenlosen Himmel, und war freundlich genug, die Temperaturen gerade noch im erträglichen Bereich zu behalten. Die Wärme des Tages war durchzogen von einer angenehmen Frische, getragen von einem leichten Windzug.

Beflügelt von der beeindruckenden Leistung meines Freundes und Teamkollegens Vinzenz Kumpusch stieg ich um 13:00 Uhr in den Shuttle-Bus nach Wuggau. Vinz hatte soeben den Marathon mit einer Fabelzeit von 2:49:59 Stunden überlegen für sich entschieden. Ich konnte ihm im Ziel noch persönlich gratulieren, durfte dabei den Geschmack einer heroischen Leistung schmecken und die Euphorie eines großen Sieges mit zum Start des Viertelmarathons nehmen.

Der Viertelmarathon von Wuggau nach Wies über Obergreith und St. Ulrich ob Greith hat ca 400 Höhenmeter und ist 12,7 km lang, also um mehr als zwei Kilometer mehr als die offizielle Vierteldistanz – das sollte meine Garmin am Ende am Display anzeigen. Das Warten auf den Start verging ob des tollen Wetters und der fantastischen Stimmung im Startbereich wie im Flug. Bald nahm das Feld Aufstellung und so ging es los auf mein erstes Bergrennen. Mit den ersten Schritten verflog auch die doch spürbare Nervosität und wich einer leisen Freude und großen Neugier auf das was mich auf den nächsten Kilometern erwarten würde.

Mir war bewusst, dass wir uns über Anstiege bewegen sollten, die zu den schwierigsten des ganzen Welschlauf zählen. Trotzdem wollte ich von Anfang an wissen, was für mich drinnen sein würde und reihte mich unmittelbar an der Spitze an vierter Stelle ein. Nach zwei-, dreihundert Metern wurde dann vom an der Spitze laufenden Harry Bauer das Tempo immer mehr verschärft und das Feld begann auseinander zu reißen. Ich blieb dran – vor mir mit Bauer, Robert Kos und Hans-Peter Kapfensteiner drei Kaliber der Laufszene. Ein Piepsen signalisierte mir, dass der erste Kilometer absolviert war – in 3:21 min. Ziemlich schnell für meine Verhältnisse. Um dran bleiben zu können, hätte ich noch stärker in die Kraft gehen müssen, instinktiv verzichtete ich aber darauf und ließ abreißen.

Nach eineinhalb Kilometern geht es dann vorbei beim Wuggau Bartl hinein in den ersten Anstieg: der steilste und mit fast 2 km der längste am Viertelmarathon. Ich lief konzentriert und dosiert in den Berg hinein und war gespannt, ob und wieviele Läufer mich passieren würden. Es dauerte fast 500 Meter bis ich die ersten Bewegungen im Rücken spürte. Zwei Läufer hatten zu mir aufgeschlossen und begannen mich zu überholen. Ich versuchte, nicht zu weit abreißen zu lassen. Das gelang mir überraschend gut und so konnte ich auf dem ersten abfallenden Streckenteil meine Stärken im Bergablauf zum ersten Mal ausspielen, und konnte beide um einiges distanzieren bevor es in den nächsten Anstieg ging.

Dieses Spiel wiederholte sich noch einige Male. Bergauf wurde ich von den beiden eingeholt, bergab blies ich wieder an ihnen vorbei. Nach fünf Kilometern stand es unentschieden. Michael Schmelz sollte sich sowohl bergauf als auch bergab zu stark erweisen und began sich von mir abzusetzen. Er belegte schließlich den dritten Platz. Thomas Wimmer jedoch konnte sein Tempo bergauf nicht halten und geriet immer weiter ins Hintertreffen.

So lief ich schließlich die nächsten Kilometer alleine dahin, versuchte bergauf nicht zu überdrehen und bergab meinen Körper und somit die Schwerkraft zu nutzen. Nach Obergreith kommt eine schwierig zu laufende Bergabpassage, kurvig und teilweise auf holprigen Waldboden. Hier muss man sehr konzentriert sein. Ein falscher Schritt kann fatale Auswirkungen haben. Unten angekommen, erwartet den Läufer das nächste Kriterium: der Anstieg nach St. Ulrich ob Greith, nicht so lange wie der Anstieg beim Wuggau Bartl aber wieder ziemlich steil.

Einmal hier oben angekommen scheint das Schlimmste geschafft. An den Labestationen gab es nur noch Wasser – die isotonischen Getränke hatten bereits Marathon-, Halbmarathonläufer und Nordic Walker ausgetrunken – und selbst an das Wasser ran zu kommen war mitunter eine Herausforderung: viele Labestationenbetreuer hatten schon auf Siesta und Weinverkostung umgestellt. Abkühlung war aber vor allem nach so einem schwierigen Anstieg und zwei Drittel der Strecke enorm wichtig. Jetzt ging es darum, noch genügend Kraft zu mobilisieren, um bergab noch Zeit gut zu machen.

Mit jedem Anstieg war ich mehr und mehr in den Rhythmus gekommen und bald machte es für mich keinen Unterschied mehr ob ich bergauf, bergab oder gerade dahin lief. Wenn es runter ging, versuchte ich das Tempo nicht durch andrücken sondern durch leichte Vorlage des Oberkörpers zu bestimmen und konzentrierte mich nur darauf, die Beine nach vorne weg zu schleudern, um nicht auf die Nase zu fallen.

Zwei Kilometer vor dem Ziel tauchte plötzlich rund 300 Meter vor mir Hans-Peter Kapfensteiner auf. Damit hatte ich nicht mehr gerechnet und obwohl der Abstand noch ziemlich groß war, spürte ich, dass ich an ihn noch heran kommen könnte. Er lief noch immer flott aber nicht mehr so locker, wie anfangs. Ich fühlte mich noch ziemlich gut und ging bergab immer mehr ans Limit. Ich kam zwar näher, aber nicht entscheidend. Das letze Bergabstück befindet sich zirka tausend fünfhundert Meter vor dem Ziel. Ich wusste, dass ich hier meine letzte Chance hatte, um aufzuschließen. Zwei Stimmen kämpften in meinem Kopf. Die eine wollte sich mit Rang fünf zufrieden geben, die andere meinte: “Jetzt erst recht – schau was Du drauf hast, gib Gas und lauf zu ihm hin!” Nach diesem Gedanken gab es kein zurück mehr, ich drückte nochmals auf’s Tempo und raste mit einem Affenzapfen den Berg hinunter. Im Nu hatte ich zu Kapfensteiner aufgeschlossen und flog nur so an ihm vorbei. Ich glaube er war selbst überrascht, wie schnell das gegangen war.

Noch war aber nichts geschafft, denn es waren noch gut sieben-, achthundert Meter ins Ziel und mein Zwischenspurt begann mir ordentlich zuzusetzen. Ich war am Limit und musste Tempo raus nehmen, um nicht umzukippen. Ich brauchte ein paar hundert Meter, um mich wieder etwas zu erholen, konnte aber meinen vierten Platz behaupten. Kapfensteiner merkte offensichtlich, dass ich etwas schwächelte und versuchte nochmals ran zu kommen, aber ich konnte auf den letzen 200 Metern nochmals alle Kräfte mobilisieren und meinen vierten Rang sicher ins Ziel bringen.

Mit meiner Leistung bergauf war ich sehr zufrieden, von dem was ich bergab zustande brachte, war ich selbst überrascht. Obwohl ich insgeheim mit dem Podium spekuliert hatte, war ich total happy über meinen ersten Versuch am Welschmarathon und ließ zusammen mit Vinzenz Kumpusch einen super erfolgreichen Lauftag ausklingen.

Ein wenig auf den Geschmack gekommen, habe ich für mich den Start beim Halbmarathon 2012 mental einmal abgespeichert. Schaumamal.

Ergebnis Welschlauf 2011 Viertelmarathon:

1. Harald Bauer 48:01 min
2. Robert Koß 48:50 min
3. Michael Schmelz 49:27 min
4. Christoph Potzinger 49:56 min
5. Hans-Peter Kapfensteiner 50:02 min
6. Thomas Wimmer 51:24 min

 

Weiter geht es jetzt, sofern meine Beine mitspielen, mit den Steirischen Akademischen Meisterschaften über 5.000 Meter auf der Bahn am Mittwoch (09.05.2011) und den Steirischen Halbmarathon Meisterschaften in Radkersburg (28.05.2011).

Share